Präambel
Die Region sieht sich im Aufbruch und hat dabei die Kreativität entdeckt: Doch das Konzept einer Kreativregion Frankfurt Rheinmain wird nicht greifen, so lange Kreative als domestizierbarer Standortfaktor und Kulturschaffende als altruistische Kämpfer ohne nennenswerten Marktwert allenfalls geduldet werden.
Als Impulsgeber ist die kürzlich von Albert Speer & Partner vorgelegte Denkschrift begrüßenswert: Indem zahlreiche Defizite und Entwicklungsfelder angerissen werden, zeigt sich der seit langem konstatierte akute Handlungsbedarf in Öffentlichkeit und Politik noch deutlicher. Er umfasst aus unserer Sicht nicht nur vielfältige Politikbereiche, sondern ebenso Werte und Haltungen einer urbanen Gesellschaft im 21. Jahrhundert.
Mit dem Ziel, die aktuelle Debatte zur Kreativregion Frankfurt Rheinmain voranzutreiben, zu konkretisieren und ihr eine neue Richtung zu geben, melden sich jetzt hier Künstler, Kreativarbeiter, Kulturschaffende und Andere aus Frankfurt Rheinmain zu Wort. Wir sind Teil der urbanen Gesellschaft und möchten mit unserer Erfahrung und Expertise mitgestalten - insbesondere, wenn es um die Zukunft Frankfurt Rheinmains als kreativer Lebens- und Arbeitsraum geht.
Über unsere hier thematisierten wesentlichen Ideen und Forderungen hinaus werden wir uns als Kreative weiter vernetzen und Verantwortung für die Gestaltung der Region übernehmen.
Wir plädieren für einen grundlegend freien Kreativitätsbegriff, der über die derzeit opportune Florida’sche Verengung zu Gunsten einer reinen Ökonomisierung hinaus geht: Wer kreative oder kulturelle Leistung initiiert, produziert oder auswertet, ist für uns ein Kreativschaffender.
Gerade wenn Kreativität und Innovationsfähigkeit die erfolgsentscheidenden Ressourcen der Wirtschaft im 21. Jahrhundert darstellen, sind zunehmende Freiräume für Kunst und Kultur jenseits ökonomischer Kategorien unabdingbar. Kreativität ist wertvoll, aber nicht zwangsläufig und unmittelbar wertschöpfend - und entzieht sich der stringenten Berechenbarkeit. Erinnert werden soll schließlich auch an die integrative, Werte stiftende Funktion von Kreativität gerade in Zeiten gesellschaftlichen Wandels und ökonomischer Konflikte bei zunehmender Neoliberalisierung sämtlicher Gesellschaftsbereiche.
Kreative Individuen oder so genannte Kreative Industrien profitieren mehr noch als andere von wechselwirksamer Inspiration und benötigen ein höchstmöglich heterogenes, offenes Umfeld.
Wir fordern daher mit diesem Manifest von den politisch Verantwortlichen das deutliche Bekenntnis und förderliche Rahmenbedingungen für die Kreativschaffenden in Frankfurt Rheinmain.
Als freie Gruppe Gleichgesinnter haben wir hierzu das vorliegende Papier verfasst, das vielfältige Kräfte und Ideen sammelt, bündelt und ihnen Gehör verschaffen will. Es dokumentiert den momentanen Stand unserer Diskussion und soll in den kommenden Monaten weiter entwickelt werden.
Wir rufen alle Kreativschaffenden in Frankfurt Rheinmain auf, sich hier aktiv einzubringen.
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1. Kreatives Schaffen liebt Vielfalt
Inspiration ergibt sich vor allem aus vielfältigsten Anregungen, die weder monokausal noch planbar sind. Ziel der urbanen Entwicklung muss es aus diesem Grund sein, unterschiedlichste kulturelle und kreative Angebote sowie Leistungen lokal zu verankern. Das schließt auch eine Vielfalt in den Lebensentwürfen und die Internationalität kultureller, wirtschaftlicher und gesellschaftspolitischer Aktivitäten mit ein: Eine tolerante und weltoffene Region hat auch ein erhöhtes kreatives Potenzial - soweit folgen wir Floridas These. Der gezielte Ausbau dieser zweifellosen Stärke der multikulturellen Region Frankfurt Rheinmain soll auch Kreativschaffenden zu Gute kommen.
Deshalb erachten wir die Bildung einer übergreifenden Institution und Lobby als sinnvoll, welche die Interessen der Kreativschaffenden wahrnimmt. Sie fungiert als Mittler und unterbreitet Angebote, die für Kreativschaffende zugleich harte und weiche Standortfaktoren darstellen, zum Beispiel indem sie Netzwerkfunktionen unterstützen. Ein solcher Verband bedarf der öffentlichen Unterstützung und Anerkennung.
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2. Kreatives Schaffen lebt von Hochkultur UND kulturellen Experimenten
Die kulturelle Identität und Lebensqualität einer Kreativregion definiert sich nicht nur mittels einer repräsentativen und vermarktbaren Hochkultur, sondern maßgeblich auch durch eine inspirierende, eigenwüchsige Kreativszene. Diese steigert das kreative Klima in der Region insgesamt: Davon profitiert wiederum die Hochkultur und gleichzeitig werden Impulse für die Kreativschaffenden in der Wirtschaft geboten. Eine experimentierfreudige kulturelle Szene hat daher eine zentrale Bedeutung für einen vitalen kreativen Standort.
Urbane Politik muss daher neben der Etablierung einer herausragenden Hochkultur die Entstehung und Entwicklung (sub)kultureller Experimentierräume gezielt unterstützen.
Deshalb fordern wir Räume für Experimente - als Kern von kreativen Prozessen und Entwicklungen. Ganz gleich, ob es sich dabei um eine Werkstatt, ein zwischengenutztes Büro, eine Party-Location oder ein langfristiges Atelier handelt. Städtische, landes- und bundeseigene Liegenschaften müssen aktiv auf eine mögliche Zwischennutzung geprüft und angeboten werden; in bestimmten Liegenschaften und Quartieren sollten Unternehmen eine Art Patenschaft für Kreativräume übernehmen. Für privaten Leerstand (z.B. Büroraum) können Konzepte einer sukzessiven kreativwirtschaftlichen, für Eigentümer auch einträglichen Alternativnutzung entwickelt werden. Dies kann - durch Belebung und ein kreatives Klima - den Standort nur fördern. Auch bei der Umgestaltung des nördlichen Mainufers sollte Kreativität Raum erhalten (etwa in Form von mobilen Kunst-Containern, die eine lokale Achse sowie Membran zu Museen, städtischen und regionalen Kreativorten - insbesondere Offenbach - bilden könnten). Als unabhängige Institution zwischen Besitzern und Nutzern ist eine von Speer ins Gespräch gebrachte „Agentur für Ateliers” grundsätzlich begrüßenswert.
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3. Kreatives Schaffen bedarf des Nachwuchses
Gerade die Kreativschaffenden leben von Neuem - neue Ideen und Begegnungen, die Tradiertes in Frage stellen. Ein wesentliches Merkmal für die Beurteilung eines Kreativstandortes ist folglich das Vorhandensein junger kreativer Menschen, mit denen man kooperieren kann. Eine Stärkung der kreativen Ausbildung durch interdisziplinäre Vernetzung ist notwendig, um entsprechenden Nachwuchs in die Region zu bringen. Daran anschließend muss die - interdisziplinäre - Kreativität aber auch hier verortet werden, damit der Nachwuchs nicht wie bisher andere Lebensräume vorzieht.
Deshalb fordern wir ein Kunst- und Kulturhaus: Im urbanen Zentrum fehlt eine feste Spielstätte, die das Zusammentreffen unterschiedlicher Projekte, Kunstgattungen und Kulturformen ermöglicht. Hierzu kann ein offenes Kunst- und Kulturhaus dienen, das sowohl für die Off-Szene als auch für Kunst- und Kulturprojekte des Nachwuchses zur Verfügung steht. Integrierbar wäre dies eventuell in eines der skizzierten Projekte „Campus für Musik und Darstellende Kunst”, „Kulturplattform Osthafenpark”, „Experimentelle Stadtbausteine Osthafen” o. a. (nach A. Speer & Partner).
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4. Kreatives Schaffen benötigt Netzwerke
Ob als Erlebnis- und Entfaltungsplattform „vibrierender Urbanität” oder vielmehr auf Grund prekärer Arbeits- und Lebensform Kreativschaffender: Im engen urbanen Raum entstehen idealerweise inspirierende und produktive Netzwerke, die in Frankfurt Rheinmain noch Entwicklungspotenzial aufweisen. Kreativschaffende sollen nicht in die Suburbia gedrängt werden, sondern bewusst auch im innerstädtischen Bereich etabliert werden, um sich entfalten und unmittelbar vernetzen zu können. Gerade in Frankfurt scheint überdies die Belebung und Bereicherung der City „nach Büroschluss” noch immer nicht zufrieden stellend umgesetzt zu sein.
Deshalb rufen wir zur Bildung einer Plattform für ergänzende Ressourcen auf: Oft sind Kreativschaffende auf nahe liegende kreative Leistungen angewiesen, z. B. Texter, Grafiker, etc. Die synergetische Vernetzung aller kreativen Kräfte einer Region über eine gemeinsame Plattform könnte die benötigten Kreativleistungen schneller, leichter und kostengünstiger vermitteln. Denkbar auch als nicht-monetäre Tauschbörse.
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5. Kreatives Schaffen braucht die Förderung von Eigeninitiative
Das Schöpferische, die Kreation ist ein Prozess - mit dem zentralen Moment des Experiments, dem schwer zu Steuernden. Wer demnach das Kreativschaffen als Standortfaktor oder Produktivkraft kapitalisieren will, muss zwingend auch ausreichende Freiräume zum Experimentieren jenseits der unmittelbaren ökonomischen Verwertbarkeit fördern. Dies war bislang im engen urbanen Raum Frankfurt Rheinmain nicht selbstverständlich.
Hierzu gehört aber auch, dass beispielsweise eine Gastronomie-Pacht u. ä. nicht stets an etablierte Unternehmer oder Ketten vergeben wird, sondern auch an experimentierfreudige unabhängige Kreativschaffende. Diese gilt insbesondere, wenn die Öffentliche Hand Hausherrin ist. Mögliche Spannungen zum Mainstream und - subjektive oder objektive - Risiken sollte eine urbane Gesellschaft (er-)tragen können und im Gegenteil den „kreativen Humus” neuartiger Projekte wertschätzen.
Deshalb fordern wir einfaches Geld für neue Ideen: Mikrokredite für Kreativschaffende. So kann Gründern der Start ins eigene Unternehmen erleichtert und bestehenden Unternehmen beim Ausbau ihrer Tätigkeitsbereiche oder der raschen Umsetzung von Innovationen geholfen werden. Gerade in der momentanen, krisengeprägten Situation sind wir der Überzeugung, dass die Überprüfung sowie Anpassung von Rahmenbedingungen für Kreativschaffende große Chancen für die Region Frankfurt Rheinmain insgesamt birgt.
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6. Kreatives Schaffen erfordert Öffentlichkeit
Insbesondere für Kreativschaffende im Kulturbereich ist eine kontinuierliche öffentliche Wahrnehmung essentiell - zur Generierung von Umsätzen, als Beitrag zum öffentlichen Diskurs, für wechselseitigen Austausch und Weiterentwicklung. Diese Leistungen oder Angebote tragen wesentlich zur Lebensqualität der Bewohner bei und implizieren zudem die Attraktivierung weiterer Zielgruppen (z. B. Nachwuchs/Neubürger, Touristen), diffundieren aber aktuell weitgehend in der Kommunikation und Vermarktung. Wahrgenommen werden fast ausschließlich die Aktivitäten der Hochkultur und Großprojekte, auf die sich auch die Speer’sche Denkschrift erneut stark konzentriert.
Die Kreativregion Frankfurt Rheinmain sollte aus diesem Grund Räume und Plattformen zur verbesserten Sichtbarmachung ihrer Kreativschaffenden unterstützen.
Deshalb fordern wir ein dezidiertes Kreativ-Marketing der Region - einschließlich eines zentralen Informationsmediums, das in enger Zusammenarbeit mit den Kreativschaffenden vor Ort entwickelt und umgesetzt werden soll. Zielführend ist hierbei ein festes Marketingbudget der Region, um die Vielzahl vor allem freier Kreativschaffender und Kulturinitiativen erfolgreich sowie imagewirksam für Frankfurt Rheinmain kommunizieren zu können. Dieses Budget soll Kreativschaffenden in der Region zur Verfügung stehen.
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Fazit
Um diese und weitere Optionen für Frankfurt Rheinmain realisieren zu können, bedarf es des raschen mehrheitlichen Willens zu Veränderung, Mut und Partizipation. Dieser gesamtgesellschaftliche Paradigmenwechsel wird die Art und Weise, wie wir alle in Zukunft leben, arbeiten, kooperieren sowie uns entwickeln massiv verändern beziehungsweise originär neu fassen. Wir als regionale Kreativschaffende können hierzu in unserer Funktion als Innovatoren und Mittler wesentlich beitragen und bieten unsere Mitarbeit in diesem umfassenden Prozess an.
Grundvoraussetzung ist allerdings ein fortgesetzter Dialog mit den entscheidenden Akteuren in Frankfurt Rheinmain und die Eröffnung ernst zu nehmender Gestaltungsräume - vor allem seitens der Politik. Für eine Instrumentalisierung zu Gunsten kurzsichtiger ökonomischer sowie standortpolitischer Ziele stehen wir hingegen nicht zur Verfügung: Dann wird die glaubwürdige, im weltweiten Wettbewerb relevante Kreativregion Frankfurt Rheinmain höchst wahrscheinlich eine schöne Vision bleiben - in der globalen Provinz.
Frankfurt am Main, 09.06.2009
Bastian Bergerhoff, Software-Berater und Projektmanager
Guido Braun, 9pont Werbeagentur
Daniela Cappelluti, Event-Profi und Netzwerkerin
Andrea Ehrig, Kulturmanagement
Annette Ernst, Regisseurin
Mathias Fechter, Luna Park 64 Medien Konzepte Projekte GmbH
Nicole Hohmann, LeseMusikzimmer
Dirk Hülstrunk, Autor, Soundpoet u. Audiokünstler
Bernd Kracke, Präsident der Hochschule für Gestaltung Offenbach
Petra Manahl, Kreative in der Unternehmenskommunikation
Matthias Mayer, Frankfurter Kreativer und freischaffender Künstler
Sebastian Popp, Luna Park 64 Medien Konzepte Projekte GmbH
Helge Bomber Steinmann, Graffitikünstler
Jakob Sturm, basis 1+2, Künstler
Corinna Thiele, Atelier Frankfurt
Sinisa Vdroljak, Musiker und Unternehmer
Wilfried Volkmann, Eltern für Schule e.V.
Sonja Weber, Reitkunst